Wenn sich der Geruch einer Berghütte, die Optik des puren Prunks und eine Glanzleistung von Museumspädagogik zu einem Chor der Begeisterung vereinen
Es ist ein sehr heißer Tag, als wir in Bayreuth einen Parkplatz nah des Markgräflichen Opernhauses suchen. Die warme Luft scheint das Leben auszubremsen. Es ist an diesem Wochentag sonntäglich still, die allgemeine Geschäftigkeit ist in die kühlen alten Häuser verlagert. Fast wären wir am Eingang des Opernhauses vorbeigelaufen. Die Hülle aus Gelbsandstein verbirgt mit ihrer Nüchternheit die Opulenz des barocken, selbsttragenden Zuschauerraumes aus Holz.
Dass wir nicht nur ein außergewöhnliches Haus mit großer Geschichte besuchen, sondern auch eines, indem sich ganz offenbar Experten viele Gedanken zur Barrierefreiheit gemacht haben, wissen wir da noch nicht. Auch nicht, dass wir noch Monate später sagen werden, dass Bayreuth die bislang größte Überraschung für uns bereithielt, weil auch das angrenzende Museum zeigt, wie Inklusion im Mittendrin und alle begeisternd, funktionieren kann.


Frau Weiß, eine kreative und begeisternde Museumspädagogin, begleitet uns zunächst in das eher schlichte Treppenhaus. Hier sind wir mit Herrn Hans-Peter Ströbel, Chef der Schloss- und Gartenverwaltung Bayreuth-Eremitage verabredet. Der Sandstein hält die kühle Luft, wir atmen auf. Ich habe meinen Rolli gegen SollSo getauscht, weil das in Museen oft die bessere Wahl ist. Ich kann auch in Vitrinen schauen, die nicht unterfahrbar sind, brauche weniger Raum und bin auf guter Kommunikationshöhe. Frau Weiß findet das eine spannende Lösung, verrät aber schon, dass im angrenzenden Museum alles unterfahrbar ist. Und mit Ausnahme der Oper selbst, findet man im ganzen Gebäude ein Blindenleitsystem.
Besucher können an regelmäßig stattfindenden Führungen teilnehmen, ein Tablet ausleihen für eine digitale Führung oder eine App herunterladen. Es gibt digitale Führungen für blinde Menschen sowie einen Rundgang mit Videos in deutscher Gebärdensprache. Es gibt eine Kinderführung und eine Führung in einfacher Sprache.
Am Modell der Markgräflichen Oper zeigt Herr Ströbel die selbsttragende Konstruktion und die Hülle aus Sandstein. Sofort fällt ins Auge (leider hier nicht aus dem perfekten Winkel fotografiert), dass die Straßenfront sehr schmal ist und der Gesamtbau ungewöhnlich in die Tiefe geht (68m). Und auch ein Laie sieht, dass die verwendeten Dachbalken einer ungewöhnlichen Länge bedurften.
Wir tauschen uns über Assistenzhunde aus und über unseren einst holprigen Start, Menschen mit Assistenzhund, den Zugang zu Kunst und Kultur selbstverständlich zu ermöglichen. Herr Ströbel berichtet ausschließlich von guten Erfahrungen.

Nach dem schlichten Treppenhaus öffnet sich ein überraschend prachtvoller Opernsaal. Die Nase identifiziert eindeutig Holz. Man assoziiert eher eine Berghütte als ein Opernhaus. Die Augen präsentieren aber Barockprunk, wie man ihn dieser Zeit zuordnet. Während Auge und Nase schwer übereinkommen, mischt sich auch noch der Verstand ein, der da sagt, dass das hier alles Holz ist und gespannte, täuschend echt bemalte Leinwand. Die Deckenmalerei hat es als solche nie gegeben Auch an der Decke ist eine täuschend echt wirkende Leinwand gespannt. Beim genaueren Hinsehen verraten kleine Nägel, dass hier nichts so ist, wie es scheint. Es gibt keinen Stein, keine Marmorsäulen, obwohl es so aussieht, Wappen, Logen, Geländer – alles ist Holz. Einzelelemente wurden wie in einer Art barockem Legospiel einzeln bemalt und später am richtigen Platz zusammengebaut.
Ist eine Illusion nicht eigentlich die höhere Kunst? Und wo passt Illusion besser hin als in eine Oper? Wie ausgefeilt die Bühnentechnik war, werden wir später im Museum selbst ausprobieren. Das Bühnenbild wird über Einzelelemente an Rollen und Zugbändern bewegt. Dadurch war ein schneller Wechsel der Bühnenbilder möglich.
Bevor wir völlig überwältigt sind, gibt es noch das Pressefoto mit Herrn Ströbel. Assistenzhunde sind die einzigen Hunde, die die Markgräfliche Oper betreten dürfen. Künftig wird der Aufkleber als Symbol im Leuchtkasten am Eingang zu sehen sein.
Dann nehmen Mascha (ihres Zeichens mindestens Prinzessin) und ich in der Fürstenloge Platz und lauschen den Erklärungen von Frau Weiß. Was sich breitmacht, ist kindliches Staunen mit Augenzwinkern.





Mit dem Opernhaus verbunden ist das Redoutenhaus, in dem das Museum zum Markgräflichen Opernhaus und zum Barocktheater in Bayreuth untergebracht ist. Und wer jetzt denkt, dass das nur etwas für Menschen mit Opernabonnement ist, irrt gewaltig. Die Ausstellung ist ein Mitmachmuseum, das alle Sinne anspricht und den Zugang zum Thema für verschiedene Behinderungen ermöglicht. Man spürt überall Liebe zum Thema, unglaublichen Einfallsreichtum und eine beeindruckende Expertise, was verschiedene Behinderungen benötigen, um selbstverständlich partizipieren zu können. Niemand benutzt das fast verbrauchte Wort „Inklusion“ und doch ist es das inklusivste Museum, das mir bislang begegnet ist.
Jeder Raum ist in Form, Farbe und Thema individuell gestaltet. Alles ist so aufbereitet, dass sowohl der erfahrene Kenner der barocken Oper, als auch das Vorschulkind, egal ob sie verschiedene Beeinträchtigungen haben, unterhaltsam und trotzdem mit Tiefgang abgeholt werden. Es gibt immer wieder Tastmodelle, die es auch Sehenden leichter machen, Details zu erkennen. Kinomaten fassen das Thema des Raumes kurzweilig in 2,5 min zusammen. Musik ist auch über Vibration erfahrbar, es gibt barocke Riechproben …
Höhepunkt des Museums ist die weltweit vollständigste Rekonstruktion einer barocken Bühne inklusive der Bühnentechnik mit überraschenden auditiven Effekten. Besucher dürfen sich daran ausprobieren, gemeinsam ein Gewitter auf hoher See darstellen. Gemeinsam heißt hier, einem Fünfjährigen zuzusehen, wie er mit einem Opernprofi und einer körperlich beeinträchtigten Frau zur Tat schreitet.
Was wir hier erleben, ist ein museumspädagogisches Meisterwerk. Mit so vielen Eindrücken sind wir angefüllt, begeistert und im besten Sinne satt.
Mascha wird im Foyer noch ein Päuschen machen und dann geht es wieder raus in die Wärme, in die Wirklichkeit, getragen vom Zauber der letzten Stunden.



Wichtige Informationen rund um den Besuch:
Behindertenparkplätze sind vorher gut recherchierbar und im direkten Umfeld vorhanden.
Die Wege im Weltkulturerbe sind überwiegend gut mit Rolli passierbar.
Der Eingangsbereich ist großzügig. Rollifahrer und Gehbehinderte bekommen einen Schlüssel für ihr Schließfach an der Kasse. Es befindet sich im Erdgeschoss. Dort ist auch eine barrierefreie Toilette, die Menschen mit Assistenzhund ebenfalls nutzen dürfen.
Das Personal ist sehr hilfsbereit und umsichtig.
Es gibt einen Tastplan für jedes Geschoss.
In jedem Raum gibt es Sitzplätze, man kann sich auch einen Hocker ausleihen.

Noch ein Tipp für einen wunderschönen Spaziergang mit eurem Assistenzhund. Besucht den Hofgarten Eremitage. Auch an warmen Sommertagen findet man Schatten unter Laubengängen oder eine gemütliche Bank am Wasser. Von Mai bis Oktober kann man stündlich Wasserspiele bewundern. Die Wege sind gut mit Rolli befahrbar.


Wir danken der Aktion Mensch, die den Besuch der Weltkulturerbestätten unterstützt.


